Geschichte
Im November 2000 findet im Spielkasino Hittfeld eine Benefizveranstaltung mit dem Boxer Wladimir Klitschko statt, deren Erlös dem TSV zur Verfügung gestellt wurde unter der Maßgabe, eine Boxabteilung zu gründen. Im Februar 2001 findet sich mit Jürgen Emmrich ein erfahrener Trainer, der zugleich die Aufgaben eines Abteilungsleiters übernimmt. Durch die umfangreiche Berichterstattung in der Presse angeregt, kommen viele Kinder, Jugendliche, Erwachsene zum Schnuppertraining in die Mehrzweckhalle. Schnell wird die Abteilung so groß, dass ein Aufnahmestop verhängt werden muss. Aktuell trainieren mehr als 60 Sportlerinnen und Sportler an zwei Trainingstagen.
Boxabteilung
Abteilungsleiter
Jürgen Emmrich
Telefon 04105 159546
Trainingszeiten
in der neuen Halle Schützenstr. 22
Dienstag 18.15bis 20.15Uhr m/w ab 10 Jahre
Donnerstag 17.00 bis 20.00 Uhr m/w ab 10 Jahre
Vom Ursprung des Faustkampfes bis zur Kunst der Selbstverteidigung
Solange in der Geschichte der Menschheit das Wort „Körperertüchtigung" eine Rolle spielt, ist auch der Faustkampf bekannt. Kein Geringerer als der Griechische Epiker Homer berichtet um 9020 v. Chr. in seiner „Illias" von Epelos, dem ersten uns bekannten Faustkämpfer der Antike und seinem schnellen entscheidenden Erfolg über Euryalos. Auch der im Dritten Jahr-hundert v. Chr. lebende Dichter Theokrit aus Syrakus weiß in Packender Weise einen dramatischen Zweikampf der Griechischen Mythologie zu schildern. Anschaulich und ausführlich erwähnt er anlässlich des „Argonautenzuges" den Sieg von Polydeukos, des be-rühmtesten Faustkämpfers der Sage über den Bebrykenkönig Amykos.
Die Hellenen, dieses ästhetisch so fein empfindende Volk, hatten gerade an dieser Sportart ihre größte Freude. Seit der 23. Olympiade, 688 v. Chr., finden wir den Faustkampf, „Pygme" genannt, bei der Aufführung der Olympischen Wettkämpfe. Neben dem „Pankration" einer Verbindung von Boxen und Ringen, zwang nichts anderes die Mengen stärker in seinen Bann.
Damals war die Kampfweise roh und Brutal, denn die Griechen wollten ihre jungen Männer an die Grausamkeiten eines Krieges gewöhnen. Ihre Hände waren mit Riemen aus Ochsenhaut bewehrt, die später mit kleinen Eisenstücken besetzt wurden und die man „Caestus" nannte. Ein gut durchgebildetes System lag der Kampfweise zugrunde und erst wenn ein Kämpfer alle Schläge und Paraden beherrschte, nahm er an den Wettkämpfen in Olympia teil.
Geübt wurde am „Korykos", dem einzigen Trainingsgerät, welches dem heutigen Sandsack entsprach. Beim Wettkampf war das Zeil den Gegner kampfunfähig zu machen, dabei aber selbst möglichst wenige Schläge einzustecken. Im Stand schlugen die schwer bewehrten Fäuste aufeinander los, bis sich einer für besiegt erklärte oder erschöpft zusammenbrach. Dass bei solchen Hieben sehr häufig ernste Verletzungen der Nase, Zähne oder Ohren vorkamen, ist selbstverständlich. Diese Gesichtsverunstaltungen der antiken Faustkämpfer finden wir bei den Darstellungen jener Zeit auf Ausgegrabenen Vasen und bei Statuen wieder. Dauerte der Kampf zwischen zwei gleichwertigen Gegnern zu lange, so wandte man den „Klimax" an. Die Schläge wurden dann ohne Abwehr und Ausweichen bis zur Kampfunfähigkeit des Partners aufgenommen.
Mit dem Verfall der Antike verschwanden auch die Körperübungen. Die Kunst des Faust-kampfes ging für eineinhalb Jahrtausend verloren. Das Wissen der Griechen, das Schläge an bestimmten Stellen des Körpers Kampfunfähigkeit hervorrufen, musste erst von neuem durch die Engländer wieder festgestellt werden. Es ist jedoch möglich, dass der Faustkampf jenseits des Kanals, von den Römern eingeführt, niemals ganz außer Gebrauch kam. Denn nach William Shakespeares Berichten soll Richard III., Ende des 15. Jahrhunderts, mit der Faust auf dem Turnierplatz um Ruhm gekämpft haben.
Von jeher fühlten sich Geistesgrößen von der Materie des Boxens angeregt. Gestalter der Weltliteratur, Lord George Byron (1788-1824) und Charles Dickens (1812-1870). haben dem Faustkampf anerkennende Worte gewidmet. Der Nordamerikanische Schriftsteller Jack London (1876-1916) zeigte in seiner Erzählung „Der Ruhm des Kämpfers", dass er tief in die „Kunst der Selbstverteidigung" eingedrungen war. Nicht zuletzt hat der große irische Dichter Bernhard Shaw (1856-1950) mit seinem berühmten Boxroman „Chasel Byrons Beruf" auch seine Anteilnahme bekundet.
Auf einem Kupferstich des Bekannten Holländischen Künstlers Romeyn de Hooghe (gest. 1704) sieht man zwei Faustkämpfende Männer in Rechtsauslage stehen. Auch auf anderen Stichen und Karikaturen jener Zeit kann m an dies feststellen, was wohl der ursprünglichen Fechthaltung entsprach.
Doch mit der Zeit änderte sich dies, da die geschickte rechte Hand in der Deckung und Reserve besser zur Geltung kam. Dieser Vorerwähnte Kupferstich, neben 70 weiteren, ist einem Sportbuch – „Ringe-Kunst" des Holländers Nicolaus Petter (gest. 1673) entnommen und erschien 1674 erstmals in Amsterdam. Petter, der eine Schenke betrieb. war damals ein bekannter Fechtmeister und lehrte u. a. auch Steinstoßen, Springen, Ringen und „Faustschlagen". Die Unsicherheit in den Ländern nach dem 30-jährigen Krieg (1618-1648) war Grund zur Herausgabe seines Werkes für die Selbstverteidigung, wobei er viel Sachkenntnis bewies. Im Jahre 1814 erschien das Buch, jedoch ohne Bilder, auch in deutscher Übersetzung.
Anfang des 18. Jahrhunderts wurden durch den Fechtlehrer James Figg, der in London eine Akademie für Leibesübungen hatte, die ersten Regeln festgelegt. Ein paar Jahrzehnte später erfand dann der Engländer Jack Broughton eine Art „Kampfhandschuhe". Er war es auch, der durch Regelverbesserungen den Grundstein zur modernen Taktik und Technik legte. Es war der Beginn einer Zeit, in der Faustkampf wieder zu einer Wissenschaft wurde, wie einst bei den Griechen. Das Wort „Boxen", unter dem die vergessene Kunst wieder lebendig wurde, ist uns nicht wesensfremd. Es stammt von dem altdeutschen „Buc", was gleichbedeutend mit schlagen ist. Gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts entstanden durch den Marquise of Queensberry die neuen sportlichen Regeln, die mit einigen Änderungen noch heute ihre Gültigkeit besetzen.
Wie zu allen Zeiten, so finden sich auch in der Gegenwart Leute, die mit allen Mitteln ver-suchen, die „Zunft der Lederstoßer" zu diskreditieren. Es werden dann Beweise konstruiert, die die Gefährlichkeit des Boxens und seine gesundheitsschädigenden Auswirkungen dar-legen. Doch der heutige Stand der Sportmedizinischen Wissenschaft hat dieses längst wider-legt. Dieses gilt zumindest für das „Olympische Boxen", also das Amateurboxen. Die Ver-antwortlichen haben durch jahrzehntelange Erfahrungen Verbesserungen am seilumspannten Viereck (wie Filzunterlagen, Eckpolster, Tiefschutz, weiche Bandagen, Kopfschutz, Mund-schutz, erhöhte Polsterungen der Handschuhe usw.) vorgenommen, die nur bei Außerachtlassen dieser Vorschriften Unfälle zulassen.
In der Weltunfallstatistik rangiert ein Dutzend anderer Sportarten vor dem Boxsport. Außerdem muss der Kämpfer einmal im Jahr (zu Jahresbeginn) einen medizinischen Check vornehmen. Der
Nachweis muss im Kampfpass vermerkt sein. Zusätzlich ist ein Wettkampf ohne Arzt a Ring nicht möglich. Dieser checkt alle Kämpfer vor dem Kampf nochmals durch. Todesfälle gibt es in jeder
Sportart, folglich auch beim Boxen. Die Obduktion jener, die „im Anschluss an einen Boxkampf" um s Leben kamen, ergab jedoch in allen fällen, dass Ursache und Wirkung zwei grundverschiedene
Faktoren sind. Ausnahmslos wurde festgestellt, dass die „Ringopfer" nicht im Vollbesitz ihrer Gesundheit waren. Teilweise aus falschem Ehrgeiz oder von dem Gedanken des Geldverdienens
(Profiboxen) beseelt, kletterten Kranke (oder eine Krankheit verschwiegen und vom Arzt nicht erkennbar) durch die Seile, die nie mehr oder wenigstens vorläufig keine Handschuhe hätten
anziehen dürfen. Ein anderer Punkt, der zur selbstverschuldeten Gesundheitsschädigung führt, ist die heutige Auffassung mancher Aktiven vom Boxen.
Die Kunst der Selbstverteidigung, manchmal mangels geeigneter Lehrkräfte auch nicht richtig gelehrt, wird und will oft nicht mehr verstanden werden. Der Techniker gilt in den Augen der
breiten Masse nicht mehr viel, sie liebt den Fighter, der deckungslos die Schläge seines Gegners nimmt, um sie mit großer Wucht zurückzugeben. Um den Applaus der Menge opfert der falsch
geleitete Kämpfer seine Gesundheit. Natürlichboxen ist ein harter Kampfsport und es verlangt Höchstleistungen vom menschlichen Organismus und folglich einen gesunden, trainierten Körper. Eine
solche Lebensführung ist Grundbedingung. Ein Körper, der durch Nikotin, Alkohol und andere Ausschweifungen geschwächt wird, hält auf die Dauer den Anforderungen im Ring nicht Stand. Manch
einer, der zum Bocken prädestiniert war, tauchte als „Eintragsfliege" wieder unter, weil er nicht die innere Einstellung zum Sport und seinen Verpflichtungen fand. Viele junge Sportler in der
heutigen Zeit haben aber auch nicht genug „Mumm", um sich mit einem Gegner zu messen. Zur Lebensschule gehört auch zu lernen, Niederlagen hin zu nehmen. Im Zeitalter des Überflusses ist es
nicht angesagt, sich für einen sportlichen Wettkampf zu quälen. Das gilt nicht nur für den Boxsport, wie mir viele Trainer anderer Sportarten bestätigten.
Jede Handlung setzt ein Risiko voraus. Dies gilt sowohl bei Außerachtlassung der Vorsichtsmaßnahmen in bürgerlichen Berufen als auch im Sport. Rückschläge gibt es überall und zu allen Zeiten, doch in Puncto Technik und Zweckmäßigkeit sind im Boxen Fortschritte erzielt worden. Sein oberstes Gesetz heißt heute: jeden Schlag, den man vermeiden kann, auch zu vermeiden oder ihm die Wirkung zu nehmen. Sein Hauptvorzug ist, da es den Körper gleichmäßig durchbildet. Es stärkt außerdem in hervorragendem Maße blitzschnelles Entschlussvermögen und fördert so geistige und körperliche Beweglichkeit.
Ist es unedel, sich in Kraft und Geschicklichkeit zu üben, die auch der tägliche Daseinskampf von einem fordert? Lernt man erst dies zu verstehen, dann wird man auch das Boxen, die Kunst der
Selbstverteidigung, als nützliches Glied der Körperertüchtigung erkennen.
Wie die Vorbereitungen für den jungen Sportler und die Bedingungen für Wettkämpfe heut-zutage sind, wird ein nächstes Mal beschrieben.
Jürgen Emmrich